Zaubermuseum: „Die Zauberwelt; Illustrirtes Journal für Salon Magie und Moderne Wunder; Zeitschrift für Künstler und Dilettanten“

Herausgeber: Carl Willmann

„ZW“  Jg.1897, S.158

          Ein chinesischer Bosco


Von einem China- Reisenden, dem wir nachfolgende Schilderung verdanken, erfahren wir über chinesische Gaukler folgendes:

Auf dem Markte treibt ein bezopfter „Bosco“ seinen Hokus-Pokus. Seine Garderobe besteht nur aus einem Paar kurzen baumwollenen Hosen. Der Zauberer, dessen Kunststücke etwas ungemein Groteskes an sich haben, wird von einem großen Haufen Menschen umstanden. Die Hauptnummer seines Programmes besteht darin, dass er aus einem Bündel eine messingne Schale hervorholt, welche die Grösse einer Walnuss hat und diese verschluckt. Augenscheinlich ist die Sache keine Täuschung, denn man kann den dicken Klumpen deutlich den Hals hinabgleiten sehen. Nachdem die Schelle ihren Platz im Magen gefunden hatte, sprang der Zauberer umher und tanzte nach dem Takte der Musik, welche die in seinem Bauche befindliche Schelle machte, deren Läuten

man hören konnte. Diesen Moment benutzte er, um das Herz seiner Zuschauer zu erweichen, indem er eine Aufforderung zur Spendung eines Bakschich an sie ergehen ließ. Er hustete krampfhaft, als habe er große Schmerzen, holte tief Atem, schnaufte wie ein Rennpferd, verdrehte den Körper und schnitt entsetzliche Grimassen, bis er schließlich die Schelle wieder aus seinem Munde hervorbrachte. Hierauf ging er mit seinem Teller herum, auf den die Kupfermünzen nicht allzu reichlich fielen.

    Nach einer kleinen Pause ging er wieder an das Geschäft. Sein nächstes Kunststück war, obwohl es nicht schön anzusehen war, staunenerregend. Er schlug mit seinen knochigen Händen auf seine entblösste Brust, dabei kabbalistische Worte ausrufend, und holte tief Atem, so dass sich seine ganzen Eingeweide unter seine Brust hinaufzudrängen schienen; denn unterhalb der Rippen vermochte man nichts anderes wie Haut zu sehen. In diesem gerippeähnlichem Zustande spazierte er im Kreise herum und rief mit lauter Stimme aus, dass er seit mehreren Tagen nichts gegessen habe. Im nächsten Augenblicke aber veränderte er seinen Körper, indem er Luft einatmete. Er sah wie ein gefüllter Ballon aus, der völlig aufgeblasen ist, so dass seine Kreisförmigkeit eine ausserordentliche war.

  Sein nächstes Kunststück bestand darinh, dass er eine Partie Nähnadeln von etwa 1 Zoll Länge verschluckte. Er steckte dieselben in den Mund und that, als wenn er sie wirklich verschluckte. Das Publikum, welches sehr ungläubig war, forderte ihn auf, den Mund zu öffnen, was er auch that; allein man vermochte in seinem Munde nichts zu entdecken.

   Hierauf gab er vor, grosse Schmerzen im Magen zu haben, holte zunächst einen Zwirnsfaden von 1 m Länge herbei, steckte das eine Ende desselben in den Mund und zog ihn kauend in denselben hinein, bis er ganz verschwunden war. Dann öffnete er den Mund und zeigte denselben als leer, beweisend, dass er den Faden ebenfalls verschluckt habe. Während der nächsten zwei Minuten schien seine Situation  eine recht unbehagliche zu sein; er hustete wieder heftig und schnitt Grimassen wie ein am Höllenroste bratender Sünder. Endlich machte er eine gewaltige Anstrengung, spie das eine Ende des Zwirnsfadens aus, zog es heraus und brachte  schließlich alle Nadeln eingefädelt und auf dem Faden hängend wieder an das Tageslicht. Die Täuschung war infolge der geschickten Ausführung eine vollendete!

(Bizarrmagie ist ja wieder Modern)