Zaubermuseum: „Die Zauberwelt; Illustrirtes Journal für Salon Magie und Moderne Wunder; Zeitschrift für Künstler und Dilettanten“

Herausgeber: Carl Willmann

ZW Nr 3, Jg. 1902, S.47

Erinnerungen aus meinem Reiseleben

(von Clement Lyon)


Eines Tages fuhr ich mit der Bahn durch Jütland. Die Reise war sehr lang und die im Coupè befindlichen Reisenden, welche der Mehrzahl nach Bauern waren, schienen von der Hitze ermüdet zu sein. Schon seit länger als eine Stunde hatte niemand ein Wort gesprochen. Ich langweilte mich entsetzlich! - Plötzlich kam ich auf die Idee, einen Scherz zu machen. Ich griff in meine Taschen und durchsuchte dieselben nach einem 5 Oerestück, konnte aber keins finden. Nach Verlauf von wenigen Minuten wandte ich mich an meinen Nachbarn, mit der Bitte, mir 5 Oere zu leihen; ich wollte damit ein kleines Kunststück ausführen, um Unterhaltung zu schaffen. Von allen Seiten wurden mir 2- und 5- Oerestücke gereicht. Ich nahm sie entgegen und zählte sie den Mitreisenden laut vor. In derselben Hand befand sich auch eine halbaufgerauchte Cigarette. Nun nahm ich aus der Hand, in welcher sich die Münzen und die Cigarette befanden, ein 2 Oerestück, warf es zum Fenster heraus und steckte die übrigen Münzen in die Tasche.

   Mein Nachbar sah mich an und fragte: Warum werfen sie denn die 2 Oere aus dem Fenster? - Wer das Kleine nicht ehrt, ist das Grosse nicht wert!-

  Ich habe doch kein Geld hinausgeworfen, war meine Antwort; es war ja nur ein Cigarettenstummel!

   Nein, sagte der Bauer, den Cigarettenstummel haben sie in die Tasche gesteckt. Nach längerem Hin- und Herstreiten sah ich nach und fand, wie der Bauer gesagt hatte, den Cigarettenstummel in der Tasche. Jetzt warf ich ihn zum Fenster hinaus. Halt! - sagte ich, das Versehen will ich wieder gut machen! Ich zog eine Holzrolle aus der Tasche hervor, auf welcher ein schwarzer Zwirnsfaden von 10 Meter Länge aufgewickelt war ,

wickelte ihn ab, warf die Holzrolle und das eine Ende des Fadens ebenfalls zum Fenster hinaus, liess letzteren nach und that, als hätte ich eine Angel ausgeworfen.

Nach Verlauf von wenigen Minuten wurde das Signal zum Halten des Zuges gegeben.. Langsam holte ich den Faden ein; und richtig, am Ende desselben befand sich das 2 Oerestück. Ich nahm es vom Faden, steckte es in die Tasche, ballte den Faden zusammen und warf ihn zum Fenster hinaus.

   Plötzlich stand ein bisher ruhig in der Ecke sitzender Herr, der anscheinend Geschäftsreisender war, auf, und sagte: Wissen sie, mein Herr, Sie halten uns gewiss für dummer als wir sind. - Denken sie etwa, dass ich glaube, dass dabei alles richtig zuging?- Nein mein Herr, da irren sie sehr! Uebrigens werde ich es sehr bald heraus haben, wie Sie es machten.- Können Sie auch dieses Geldstück hereinholen? sagte er, zeigte ein blankes 2 Markstück vor und warf es aus dem Fenster.

   Alles war still und wartete auf meine Antwort. Nun aber war ich erstaunt, und wusste kaum, was ich sagen sollte. Na?- fragte der Herr, wie ist es?

   Entschuldigen Sie, mein Herr, aber mir ist der Faden ausgegangen.

   Was? schrie der Herr, Sie haben keinen Zwirn mehr?

Nein, leider nicht, antwortete ich.

  Je mehr der Herr sich ereiferte, destomehr lachten die Mitreisenden ihn aus. Für mich war die Situation keine Angenehme mehr; doch bald änderte sich die Sache. Der Zug hielt, der Geschäftsreisende verließ das Coupè, um ein anderes zu besteigen.

Die Bauern aber riefen hinter ihm her: „Er geht hin und sucht sein 2 Markstück! -“